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Micromovies

von Franziska Muth

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition und Einordnung des Micromovie

3. Merkmale von Micromovies

4. Besondere Anforderungen an Micromovies und Drehtipps für Macher

5. Wie werden die besonderen Qualitätsanforderungen an Micromovies von Filmemachern beachtet? Eine Analyse anhand ausgewählter (Filmfestival-)Beispiele

5.1. Siemens mobile MicroMovie Award

5.2. Nokia Shorts

5.3. Bitfilm-Festival

5.4. Kurzfilmtage Oberhausen

5.5. Mobile Movie Award Zürich

5.6. MicroMovie Media GmbH

6. Geschäftsmodelle

7. Perspektiven des Micromovie

8. Fazit

Quellennachweis

Literaturverzeichnis

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1. Einleitung

Egal ob in der Straßenbahn, beim Fahrradausflug oder im Café: an beinahe jedem Ort der Welt können wir heute mit dem Handy mobil telefonieren oder kurze Nachrichten versenden. Das Mobiltelefon ist zu einem festen Bestandteil unseres Alltags geworden. Wie oft heißt es: „Schreib mir doch einfach eine SMS!“ oder „Ich klingle dich kurz an!“. 75 Prozent aller Europäer besitzen ein Handy und es werden immer mehr. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Mobilfunknutzer weltweit verdoppelt. Und im Jahr 2004 gab es zum ersten Mal mehr Mobilfunkverträge (1,5 Milliarden) als Festnetzanschlüsse (1,2 Milliarden). In Deutschland verfügen etwa 30 Prozent der Jugendlichen über einen Internetanschluss, ein Mobiltelefon besitzen dagegen über 80 Prozent.1
Schon jetzt kann man mit den meisten Handys mehr als nur telefonieren oder Kurznachrichten versenden. Immer mehr Geräte der „dritten Generation“ verfügen über umfangreiche Multimediafunktionen. Handybesitzer können im Internet surfen, auf dem Handy gespeicherte Musik oder Radio hören, Bilder und Videos mit der Handykamera aufnehmen und versenden und vieles mehr. Im Zuge dieser aktuellen Entwicklung entstand auch ein neue Form des Films, welche in der vorliegenden Arbeit vorgestellt und untersucht werden soll: der Handykurzfilm, auch Micromovie genannt.
Die Arbeit soll Antworten auf die Frage geben: Was ist das Neue bzw. das Besondere an Micromovies, d.h., was unterscheidet den Micromovie vom „traditionellen Kurzfilm“? Der Schwerpunkt soll hier auf den besonderen filmästhetischen Merkmalen von und Anforderungen an Micromovies liegen. Die Hauptthese dieser Arbeit lautet dementsprechend: Nur wenn der Micromovie den Anforderungen genügt, die sich aus den Eigenheiten und den Möglichkeiten des Mediums „Mobiltelefon“ ergeben, wird er sich etablieren können.
Zunächst soll hier geklärt werden, was unter einem Micromovie zu verstehen ist und welche seine wichtigsten Merkmale sind. Danach werden die speziellen Anforderungen an Micromovies dargestellt und Tipps für „Micromoviemacher“ gegeben. Anhand ausgewählter Filmbeispiele wird anschließend analysiert, welche Beachtung die besonderen Anforderungen an Micromovies bei Filmemachern finden. Es folgt ein kurzer Exkurs zu Geschäftsmodellen von Micromovies. Nach einem Ausblick auf die Perspektiven des Micromovie schließt die Arbeit mit einem Fazit.

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2. Definition und Einordnung des Micromovie

Einfach gesagt sind Micromovies Filme, die man mit dem Handy ansehen kann. So simpel diese Definition auch klingen mag, so scheint sie doch der einzige gemeinsame Nenner aller weiteren auffindbaren Definitionsversuche zu sein. Schon bei der Bezeichnung dieser Filmart scheiden sich die Geister: neben „Micromovies“ ist mitunter auch von „Mini Films“, „Handyfilmen“, „Pocket Films“ oder „Mobile Movies“ die Rede. Da aber alle Begriffe dasselbe meinen, soll der Untersuchungsgegenstand der Einfachheit halber nachfolgend als „Micromovie“ bezeichnet werden.
Die Frage stellt sich, ob das Betrachtungsmedium Mobiltelefon den Micromovie schon zu einer eigenen Filmart erhebt oder „lediglich“ zu einer eigenständigen Filmgattung. Katrin Heinrich unterteilt den „traditionellen Kurzfilm“ in folgende Gattungen: Kurzspielfilm, Experimentalfilm, Animationsfilm, Dokumentarfilm, Bildungsfilm, Industriefilm, Werbefilm, Musikclip und Found Footage.2 Die Autorin hat diese Unterteilung im Jahre 1997 vorgenommen, zu einer Zeit, als der Micromovie noch nicht präsent war. Würde Heinrich heute als eine zehnte Gattung den Micromovie in ihre Unterscheidung aufnehmen? Mit hoher Wahrscheinlichkeit lautete die Antwort „nein“. Denn alle neun Gattungen von Heinrich sind durchaus auch in Form eines Micromovies vorstellbar, wenn man sich wieder an die Minimaldefinition erinnert: sowohl einen Musikclip, als auch einen Kurzspielfilm oder Animationsfilm kann man theoretisch auf dem Handy anschauen. Ein Micromovie kann also m. a. W. Merkmale aus allen diesen Gattungen enthalten.
Aber steht der Micromovie somit gleichberechtigt auf einer Stufe mit dem „traditionellen Kurzfilm“, wie man ihn in Kinos, im Fernsehen oder auf DVD sehen kann? Diese Frage ist ebenfalls nicht leicht zu beantworten. Denn auch der Micromovie ist ein Kurzfilm, nur eben eine besondere Form. Im Moment scheint es so, als sei der Micromovie mehr als eine Gattung aber weniger als eine eigenständige Art. Man kann sagen: der Micromovie ist die kleine Schwester des großen Bruders Kurzfilm.
Allerdings geht manch einer bei der Einordnung des Micromovie radikaler vor, so z.B. Jasdan Bernward Joerges, Geschäftsführer der MicroMovie Media GmbH. Seiner Meinung nach bilde sich „gerade ein neues Genre des Films heraus, das Bezug nimmt auf die Eigenheiten und Beschränkungen des Mediums Handy.“ Die Miniaturfilme würden nicht in das Konzept traditioneller Kurzfilme passen und daher vielmehr ein eigenständiges visuelles Medium darstellen, „neben klassischem Film und Kurzfilm“.3 Auch Reinhard W. Wolf spricht von einer „neue[n] Filmform“4. Es bleibt jedoch unklar, ob er den Micromovie ebenso wie Jasdan Bernward Joerges auf eine Stufe mit traditionellem Kurzfilm und Langfilm stellt. Grit Steinbrücker, Sebastian Grebing und Niels Rumpf, die Gewinner des ersten Mobil Movie Award des Mobilfunkbetreibers O2 und Studenten des Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Potsdam sprechen davon, dass Micromovies auf dem Sprung seien, „eine eigene Kunstform zu werden.“5 Allerdings bleibt auch hier die Einordnung neben dem traditionellen Kurzfilm unkonkret.
Die Schwierigkeit, den Micromovie einzuordnen ist sicherlich auch dem Fakt geschuldet, dass es ihn erst seit ein paar Jahren gibt, während Kurzfilm und Langfilm auf eine über hundertjährige Tradition zurückblicken können. Nach diesem ersten Annähern an den Untersuchungsgegenstand und dem Versuch einer Einordnung werden im nächsten Abschnitt einige charakteristische Merkmale des Micromovie dargestellt.

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3. Merkmale von Micromovies

„Sie sind so klein wie eine Sonderbriefmarke, so kurz wie ein Werbeclip und man muss sich anstrengen, um alle Details zu erkennen.“6 So schreibt Helmut Merschmann über Micromovies und zählt damit schon einige Merkmale auf, die den Micromovie als solchen ausmachen.
Zunächst einmal sind Micromovies klein, besser gesagt, der Bildschirm, auf dem sie gesehen werden, ist klein. Oftmals umfasst das Display eines Handys nur wenige Quadratzentimeter. Dementsprechend ist meist auch die Auflösung eines Micromovies und somit seine Bildqualität sehr viel geringer als bei einem digitalen Film, den man sich beispielsweise auf DVD über den Fernsehapparat oder den Computer anschaut. Die häufig geringe Auflösung wird übrigens sehr deutlich, wenn man einen für das Handy gemachten Film über entsprechende Player auf dem PC betrachtet. Je näher die Größe des Bildes im Player dabei an die eigentliche Größe des Handybildschirms heranreicht oder je weiter die Augen des Betrachters vom Bildschirm entfernt sind, desto schärfer wird der Film. Neben dem Bild weist meist auch der Ton eines Micromovies geringe Qualität auf. Es erübrigt sich eigentlich zu erwähnen, dass ein kleines Handy nicht mit einer Stereoanlage oder einem Dolby Surround System, wie wir es aus dem Kino kennen, mithalten kann.
Eine wichtige Eigenschaft von Micromovies ist ihre Kürze. Eine einheitliche Richtlinie für die Kürze bzw. Länge eines Micromovies gibt es allerdings – wie übrigens auch beim traditionellen Kurzfilm – nicht. Nach Reinhard W. Wolf habe sich eine Laufzeit von maximal einer Minute als Richtwert durchgesetzt7. Es finden sich aber auch genügend Micromovies, die länger als eine Minute sind, ebenso wie Filme, die lediglich 10 bis 15 Sekunden „kurz“ sind.
Bezüglich des Themas kennt der Micromovie keine Grenzen. Dass eine Kuh ein Mobiltelefon frisst und dieses dann eine Reise durch deren Magen antritt, dass ein Zwerg Schattenboxen betreibt oder sich eine Fliege in eine Frau verliebt8 – alles ist möglich und nichts scheint abwegig. Ebenso ist die Palette der eingesetzten Stilmittel und der Machart beinahe unendlich. Micromovies können mit der Handykamera oder mit einer normalen Kamera gedreht werden. Sie können auch komplett digital animiert oder gezeichnet und später digitalisiert worden sein. Wie beim traditionellen Kurzfilm können beim Micromovie dramaturgische Erzählmittel wie Metapher, Symbol oder Allegorie zum Einsatz kommen9. Und schließlich spielt auch das Spannungsverhältnis zwischen der durch Katrin Heinrich definierten „Erzählzeit“ und der „erzählten Zeit“10 für den Micromovie eine Rolle.
Micromovies sind für die kurze Unterhaltung zwischendurch gedacht, z.B. beim Bus Fahren oder während man auf jemanden wartet. Eine Besonderheit liegt in ihrer Distribution. Wer ein entsprechend videofähiges und speicherstarkes Mobiltelefon besitzt, kann die Filme aus dem Internet herunterladen, auf dem Handy anschauen und sammeln und sie über das Multimedia Message System (MMS) als Videonachricht weiterverschicken oder Filme mit anderen Mobilfunknutzern tauschen. Die extrem einfache und schnelle Produktion ist ein weiterer Vorteil von Micromovies. Speziell für Filme, die mit Kamerahandys für den mobilen Konsum gedreht werden, benötigt man nicht unbedingt ein eigenes Filmstudio, eine teure Ausrüstung oder gar viel Personal. So ist es auch möglich, Filme in sehr kurzer Zeit fertig zu stellen, etwa in wenigen Tagen oder gar Stunden.
Vieles erinnert an die Charaktereigenschaften des traditionellen Kurzfilms. Jedoch werden hier bereits große Unterschiede zwischen Micromovie und dem herkömmlichem Kurzfilm deutlich. Auf die ganz besonderen Anforderungen an Micromovies soll im nächsten Kapitel eingegangen und so ihre Verschiedenheit vom traditionellen Kurzfilm noch expliziter verdeutlicht werden. Gleichzeitig liefert der folgende Abschnitt Hinweise, wie diesen speziellen Ansprüchen an Micromovies nachgekommen werden kann.

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4. Besondere Anforderungen an Micromovies und Drehtipps für Macher

„Alles, was man je in Filmseminaren oder Drehbuchworkshops gelernt hat, sollte man ganz schnell vergessen“ wenn man einen Micromovie drehen möchte, rät Reinhard W. Wolf.11 Auch wenn sich über die Radikalität dieser Forderung streiten lässt, „mit einer simplen Verkleinerung der vorhandenen Inhalte von TV und Kino ist es nicht getan. Die kleinen Displays und Begrenzungen in Dauer und Bildqualität erfordern die Entwicklung einer neuen Bildsprache.“12 Wer also einen erfolgreichen und qualitativ hochwertigen Micromovie plant, muss einiges beachten und darf die besonderen Anforderungen, die sich aus dem Medium „Handy“ ergeben nicht unter den Tisch fallen lassen.
Micromovies müssen zunächst einmal „extrem kurz sein“13. Das liegt zum einen an der noch geringen Speicherkapazität der meisten Mobiltelefone. Hierbei fühlt man sich an die Anfänge des Films erinnert. Zu Beginn wurde die Länge eines Films in Metern gemessen. Bis zum Jahr 1905 waren 15 bis 60 Meter die vorherrschende Filmlänge, was einer Spieldauer von einer halben bis zwei Minuten entsprach. Nur in Ausnahmefällen waren die Filme bis zu 200 Meter lang. Die kurzen Filme, die meist nur aus einer Einstellung bestanden, waren aber kaum länger als fünf Minuten, mehr passte einfach nicht auf eine Vorführrolle. Diese Anfangszeit war also in Wirklichkeit eine Phase der „Kürzestfilme“. Erst ab 1906 begann dann die Zeit des eigentlichen Kurzfilms mit Längen zwischen 80 und 300 Meter, d.h. drei bis zehn Minuten Spieldauer, manchmal auch schon zwanzig Minuten.14 Am Anfang ergab sich die Kürze des Films also – wie heute bei den Micromovies auch – als logische Konsequenz aus den technischen Möglichkeiten.15
Zum anderen müssen Micromovies kurz sein, weil man sie meist in Situationen anschaut, in denen man nur wenig Zeit hat, sich unterhalten zu lassen, etwa während man auf jemanden wartet oder mit dem Auto im Stau steht. Dementsprechend sinkt auch schnell wieder die Bereitschaft, einem Handyfilm Aufmerksamkeit zu schenken. Kaum einer wird sich die komplette Trilogie „Der Herr der Ringe“ auf dem Handy ansehen wollen. Für einen Micromovie gilt in ähnlicher Weise, was Katrin Heinrich über den Kurzspielfilm sagt: „Und gerade für einen Kurzspielfilm ist es unerläßlich, daß er von der ersten Szene an die volle Aufmerksamkeit des Zuschauers hat, da jede Information, die in ihm gegeben wird, wichtig für die Handlung ist.“16 Zwar sei die „Unmöglichkeit, ihn beim ersten Sehen vollständig zu entschlüsseln […] ein ‚Qualitätsmerkmal für den Kurzspielfilm’“17. Aber Heinrich schreibt auch, dass es für den Zuschauer natürlich ein Erfolgserlebnis sei, die einfachen Zusammenhänge der Minimalhandlung auf Anhieb zu erkennen.18 Grundsätzlich gilt also: „je einfacher das Konzept und je simpler die Idee, desto besser.“19 Auch wenn der Zuschauer sich den Film mehrmals anschauen und nach und nach entschlüsseln kann, weil er die Möglichkeit hat, den Micromovie auf dem Mobiltelefon zu speichern.
Die geringe Speicherkapazität der meisten Mobilfunkgeräte erfordert neben der Kürze des Micromovies auch eine geringe Auflösung. Die Filme müssen klein sein. So sollte die Bildauflösung nicht höher als 176 Pixel mal 144 Pixel sein, und die Dateigröße darf nur wenige Megabyte betragen, rät Reinhard W. Wolf. Wegen der geringen Abbildungsgröße sollten Micromovies überwiegend aus Großaufnahmen bestehen. Totalen oder Panorama-Aufnahmen sind nicht geeignet, die vielen Details wären auf dem Display nicht mehr zu erkennen. Farbe sei erwünscht, jedoch nicht zu viel und ohne Nuancen oder Verläufe, denn die Handybildschirme hätten einen sehr geringen Farbumfang. Am besten geeignet seien Aufnahmen mit großen Flächen gleicher Farbtöne.20 Auf der Internetseite des britischen Micromovie-Online-Festivals „Nokia Shorts“ geben die Organisatoren Tipps an Micromoviemacher, die ihre Filme mit der Handykamera drehen möchten.21 Ähnlich wie Wolf schreiben sie, dass der Protagonist beim Dreh nicht zu weit von der Handykamera entfernt sein dürfe, da er sonst nur ein winziger Pixel und somit auf dem kleinen Handybildschirm nicht mehr zu erkennen sei.
Eine weitere Herausforderung für Micromoviemacher: die geringe Bildfrequenz bei Filmen, die mit dem Handy gedreht werden, und auch beim späteren Anschauen dieser Filme. Zwar gibt es schon Mobilfunkgeräte wie beispielsweise das Nokia N90, mit denen mittels Carl-Zeiss-Technik Videos in VHS-Qualität gedreht werden können.22 Die gängigsten Miniaturkameras am Handy zeichnen aber nur 15 Bilder pro Sekunde auf. Wenn man das Mobiltelefon beim Filmen übermäßig bewegt, verwackeln die Bilder.23 Deshalb sollten Zoom- oder Kamerafahrten möglichst vermieden werden. Schnelle Bewegungen können sogar zu Bildzusammenbrüchen führen.24 In jedem Fall wird die Verwendung eines Stativs empfohlen oder auch das Abstützen der Hände oder Arme.
Interessant ist, dass Festivalinitiatoren festgestellt haben, dass die Qualität eines Micromovies nicht allzu sehr verloren geht, wenn man diesen auf einem großen Bildschirm zeigt. So sagt zum Beispiel Benoit Labourdette, Mitinitiator des französischen „Festival Pocket Films“, in einem online anschaubaren Telefoninterview, dass er und seine Kollegen am Anfang nicht gewusst hätten, ob man einen mit dem Handy gedrehten Film auch auf einer großen Kinoleinwand zeigen kann. Dann aber seien sie überrascht gewesen, dass Micromovies auch vor einem Kinopublikum gewirkt hätten.25 Eine ähnliche Erfahrung hat Heinz Herrmanns vom Interfilm-Festival Berlin gemacht. Er meint, dass der Film seinen Charme der geringen Auflösung behält, wenn man ihn auf einer Kinoleinwand zeigt, und die oft schwache Qualität der Bilder den Filmen eben auch eine gewisse Charakterisierung verleiht.26
Ebenso wie bezüglich des Bildes ist aber auch die Qualität des Tons bei einem Micromovie eher gering. Insbesondere Sprache ist kaum verständlich: „Also bitte, wenn überhaupt, laut und deutlich sprechen!“27 schlägt Wolf vor. Generell sollte man sich nicht davor scheuen, auch mal einen Stummfilm zu drehen.28 Die Vertonung von Micromovies durch Musik ist selbstverständlich ebenfalls möglich. Hier sollte aber wie bei allen Filmdrehs darauf geachtet werden, dass keine Urheber-, Verbreitungs- oder Verwertungsrechte verletzt werden.
Es lohnt sich, die besonderen Anforderungen an Micromovies nicht als Problem, sondern als Herausforderung und Chance anzusehen. So bietet die Produktion eines Handyfilms auch Vorteile. Das Gerät kann ganz spontan eingesetzt werden. Es ist möglich, jederzeit und überall einen Film zu drehen, mit einer Kamera, die man kaum bemerkt.29 Mit dem Handy kann man beispielsweise aus einem Briefkasten heraus filmen, was mit einer größeren Kamera kaum vorstellbar wäre. Das Mobiltelefon kann aus einem fahrenden Auto gehalten oder an einem Skateboard befestigt werden, um hier nur einige der schier unendlichen Einsatzmöglichkeiten zu nennen. Ein Teilnehmer der „Nokia Shorts“ steckte sein Kamerahandy sogar in einen durchsichtigen Ball und kickte diesen dann in der Gegend herum.30
Mit der Mobilität des Einsatzes von Handykameras geht auch einher, dass sich die Filmproduktionskosten minimieren. Man benötigt nur eine Idee: auf viel Personal, eine teure Ausstattung oder ein großes Budget können Micromoviemacher weitgehend verzichten. Das gilt auch für die Nachbearbeitung aufgenommener Bilder. Mit den entsprechenden Programmen lassen sich Micromovies bequem und schnell am eigenen PC bearbeiten und fertig stellen. Ein Studio wird überflüssig. Jeder, der über ein gewisses technisches Können verfügt, kann Spezialeffekte einsetzen und somit seinem Film eine persönliche Note geben. Mittels des vektorbasierten Grafikprogramms „Flash“ lassen sich für die mobile Unterhaltung kreative Animationen erstellen, wie sie im Internet schon weit verbreitet sind. Das Programm verkürzt mit der von ihm angewandten Technik Arbeitsabläufe und ist bereits aus der klassischen Animationstechnik bekannt.31 Neuerdings ist es sogar möglich, einen Micromovie komplett mit dem Handy zu erstellen. Das oben erwähnte Nokia N90 beispielsweise verfügt über eine 2-Megapixel-Kamera mit Autofokus und zwanzigfachem Digitalzoom, integriertem Blitz sowie einem Makro-Modus für scharfe Nahaufnahmen. Mit einer „Movie Director“-Anwendung kann der Film direkt auf dem Handy geschnitten und vertont werden.32
Die Herausforderung, einen guten Film mit einem Mobiltelefon zu machen, liegt laut Heinz Herrmanns darin, die begrenzte Qualität und Spanne der technischen Möglichkeiten kreativ zu nutzen. So sei das Ziel des von ihm mitorganisierten Handyfilmfestivals „MicroMovie Award“ während des Interfilm-Festivals Berlin im November 2004 gewesen, Filmstudenten aus aller Welt zur Schaffung von etwas ganz Neuem zu inspirieren.33 Und an anderer Stelle heißt es, die neue Filmform „bietet ungeahnte Möglichkeiten, eigene Ideen umzusetzen.“34 Trotz aller Möglichkeiten und Chancen betont Reinhard W. Wolf: „Die derart eng gesetzten technischen und inhaltlichen Rahmenbedingungen verlangen nach Kurzfilmen, die speziell für dieses Format hergestellt wurden. Kaum ein Kurzfilm lässt sich nachträglich in das Korsett eines miniaturisierten Mobiltelefons zwängen.“35 Wie die besonderen Anforderungen an Micromovies von den Filmemachern beachtet werden, soll im folgenden Abschnitt anhand ausgewählter Beispiele analysiert werden.

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5. Wie werden die besonderen Qualitätsanforderungen an Micromovies von Filmemachern beachtet? Eine Analyse anhand ausgewählter (Filmfestival-)Beispiele

Im vorangegangenen Kapitel wurden spezielle Qualitätsforderungen an Micromovies dargestellt. In diesem Abschnitt nun soll anhand ausgewählter Micromoviebeispiele untersucht werden, wie Filmemacher diesen besonderen Anforderungen nachkommen.

5.1. Siemens mobile MicroMovie Award

Im Jahr 2004 riefen Siemens Mobile und Interfilm Berlin nach eigenen Angaben den ersten internationalen Wettbewerb für Micromovies aus und verliehen den ersten „MicroMovie Award“. Filmschulen und Filmemacher aus aller Welt wurden aufgerufen, einen Kurzfilm von maximal 90 Sekunden Länge zu produzieren und dabei ein Videohandy von Siemens zu benutzen. 146 Filme wurden eingereicht und die 20 besten Micromovies auf dem 20. Interfilm-Kurzfilmfestival in Berlin vom 2. bis 7. November 2004 gezeigt. Ein Jahr darauf, zum 21. Interfilm-Kurzfilmfestival, das vom 1. bis 6. November 2005 in Berlin stattfand, präsentierten Interfilm, MicroMovie Media und BenQ Mobile (also der Konzern, der die defizitäre Handysparte von Siemens übernommen hatte, d. V.) das erste visuelle Festivalmagazin fürs Handy, „BlueNews“. Alle Besucher des Festivals konnten das „mobile Magazin“ via die Datenübertragungstechnik Bluetooth empfangen. Zusätzlich zu ultra kurzen Filmen, Programmtipps und Micromovies aus vergangenen Wettbewerben für Mobiltelefone wurden täglich neue Clips in so genannten „MicroMovie-Sessions“ produziert. Internationale Filmemacher waren eingeladen, ihre Eindrücke von Berlin und vom Festival mit einem Siemens CX75 festzuhalten. Die Bilder wurden dann zu einem 45-sekündigen Clip zusammen geschnitten, der am nächsten Tag wieder über Bluetooth-Empfang verfügbar war.36
Die Idee von Siemens Mobile, Wettbewerbe für Micromovies zu veranstalten, trug Früchte. So fanden auch im österreichischen Podersdorf und im brasilianischen Rio de Janeiro und São Paulo ähnliche Veranstaltungen statt. Der zweite internationale Siemens MicroMovie Award wurde im Rahmen des St.-Kilda-Filmfestivals vom 24. bis 29. Mai 2005 in Melbourne, Australien vergeben, wiederum in Zusammenarbeit mit Interfilm Berlin. Diesmal stattete Siemens die teilnehmenden Filmemacher und Filmschulen mit dem Handymodel SX1 aus, in das ein Camcorder integriert ist. Die fertigen Filme durften erneut nicht länger als 90 Sekunden sein. Darüber hinaus gab es keine Auflagen bezüglich des Schneidens und der Bearbeitung des Rohmaterials. Allerdings mussten die Filmsequenzen im fertigen Produkt deutlich erkennbar länger sein als die hinzugefügten animierten Elemente. Die Micromovies wurden während des St.-Kilda-Festivals auf Bildschirmen im Foyer und auch auf einer großen Kinoleinwand gezeigt.37
Der Gewinner aus zwölf nominierten Filmen war der Australier Damon Herriman mit seinem Film „Peephole!“. Den Film kann man sich wie alle anderen in diesem Rahmen entstandenen Micromovies auf der Internetseite des MicroMovie Award anschauen und sogar auf dem Computer speichern. Herriman hat den Film offensichtlich komplett und an einem Stück mit dem Mobiltelefon SX1 aufgenommen. Das Handy zeichnet 15 Bilder pro Sekunde auf, hat ein 16-bit Farbdisplay mit 24-bit Farbtiefe, eine Lichtempfindlichkeit von 30 Lux und eine 4 MB Speicherkarte.38 Mit Ton konnten die Filmmacher etwa 2 Minuten drehen, ohne Ton 3 Minuten. „Peephole!“ ist eine Minute und 36 Sekunden lang, wobei noch etwa sechs Sekunden für den „Siemens-Vorspann“ abzuziehen sind. So bleibt der Film im geforderten Zeitlimit. In „Peephole!“ nimmt die Handykamera die Rolle eines Türspions ein. Durch ihn „beobachtet“ der Zuschauer den Protagonisten namens Steve, der seine Chatbekanntschaft, Susan, kennen lernen will. Teddybär und Blumenstrauß hat er als Geschenke mitgebracht. Ein paar Mal klopft Steve an die Tür, hinter der sich der Zuschauer „befindet“, aber Susan öffnet nicht. Während Steve am Anfang noch recht relaxt und in freudiger Erwartung vor der Tür steht, wird er immer verzweifelter und cholerischer, als sich nichts tut. Während des Micromovies hört der Zuschauer Steves Gedanken. Erst am Ende spricht der Protagonist in Wirklichkeit laut und deutlich, als er Susan mit Schimpfworten bezeichnet. Der Film endet damit, dass Steve feststellen muss, dass er an der falschen Tür geklopft hat, als hinter ihm Susan völlig fassungslos die Tür öffnet.
„Peephole!“ ist zwar einfach aber dafür auch sehr witzig gemacht. Man erlebt die Veränderung im Gemüt des Protagonisten und muss schmunzeln, wenn er am Ende völlig verdutzt sein Missverständnis erkennt. Der Moment, als Susan die Tür öffnet, hat einen Überraschungseffekt. Die Bildqualität ist gut, alles für das Verstehen Wichtige ist zu erkennen. Auf Kamerabewegungen wird ganz verzichtet, was dem Film ebenfalls zugute kommt. Musik wird als Rahmen am Anfang und Ende eingesetzt, sonst aber ausgelassen. Insgesamt ist dies ein kurzweiliger Film und somit ein gelungener Micromovie.

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5.2. Nokia Shorts

Der Wettbewerb „Nokia Shorts“ war nach eigener Aussage im Jahr 2003 der erste Wettbewerb seiner Art. In Zusammenarbeit mir dem Raindance-Filmfestival in London hatte Nokia Shorts das Ziel, die Produktion jener Kurzfilme, welche speziell für das Abspielen auf Mobiltelefonen gedacht sind, anzuregen. Der Wettbewerb richtet sich an Filmemacher aus Großbritannien und Irland. 2005 trug man der technischen Entwicklung Rechnung und führte eine neue Kategorie für Filme ein, die ausschließlich mit mobilen Handsets gedreht werden durften. Neben dieser „Handset-only-Kategorie“ gibt es weiterhin eine Hauptkategorie für Filme, die zwar fürs aber nicht mit dem Handy gemacht sein müssen. In beiden Kategorien schafften es 2005 zehn Filme ins Finale. Die Micromovies beider Kategorien durften jeweils nicht länger als 15 Sekunden lang sein, wobei zusätzlich bis zu drei Sekunden für den Vorspann und fünf Sekunden für den Abspann erlaubt waren. In der Handset-only-Kategorie musste jeder Micromovie komplett mit einem Video-Mobiltelefon aufgezeichnet worden sein. Mit dem Computer durften diese Filme geschnitten, vertont und mit Vorspann, Abspann und Untertiteln versehen werden, aber kein Videomaterial oder Spezialeffekte aus einer anderen Quelle hinzugefügt werden.39
Die zehn Finalisten der Hauptkategorie 2005, vier Filme aus der Handset-only-Kategorie und auch die Finalfilme von 2004 kann man sich im Internet als Stream anschauen, aber nicht speichern. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, fünf persönliche Lieblingsfilme auszuwählen und als E-Mail zu verschicken. Über das Internet konnte man auch abstimmen und somit die jeweiligen Gewinner ermitteln. Die zehn Finalisten der Hauptkategorie wurden auf dem 13. Raindance-Filmfestival vom 28. September bis 9. Oktober 2005 in London gezeigt. Der Sieger der Hauptkategorie darf nun einen Kurzfilm für Nokia mit einem Budget von bis zu £4000 produzieren, der unter anderem online und über Mobiltelefone verbreitet werden soll. Der Gewinner der Handset-only-Kategorie erhielt eine Videokameraausstattung im Wert von £1250. Die zehn Finalisten der Hauptkategorie und der Gewinner der Handset-only-Kategorie bekamen außerdem ein Nokia N90.40
Zwar nicht der Sieger aber immerhin ein Finalist aus der Hauptkategorie 2005 ist der Film „Homer’s Odyssey“ von Greg McLeod. Der Regisseur ist einer der Gebrüder McLeod, die für ihre satirischen Kurzfilme beim „Online-Kino“ Atomfilms bekannt sind. Greg McLeod schreibt und produziert seit sieben Jahren Animationen. Seine Arbeiten waren unter anderem im Fernsehkanal BBC ONE und bei Atomfilms zu sehen.41 Vorlage für McLeods Micromovie ist das Epos „Odyssee“, welches vermutlich im 8. Jahrhundert v. Chr. von dem griechischen Dichter Homer geschrieben wurde. Das Werk erzählt in etwa 12.000 Hexametern die Irrfahrten und die Heimkehr des Odysseus nach der Eroberung Trojas durch die Griechen. Odysseus besteht alle Herausforderungen und Schwierigkeiten mit kluger Standhaftigkeit. Stationen der Odyssee sind zum Beispiel Abenteuer auf See, märchenhafte Erlebnisse an fremden Küsten und der blutige Kampf des Heimkehrenden auf Ithaka.42
Bei diesem – komplett vielfarbig animierten – Film mit Zeichentrickoptik wird das Spannungsverhältnis von Erzählzeit zu erzählter Zeit quasi ad absurdum geführt. Die originäre Odyssey erstreckt sich über einen Zeitraum von zehn Jahren. Hier wird diese Geschichte in weniger als 15 (!) Sekunden erzählt. Der Micromovie zeigt die Abfolge der wichtigsten Stationen der Irrfahrten Odysseus in rasender Geschwindigkeit und aus diesem Grund lautet der Untertitel wohl auch „a mini epic“. Wer die Erzählung halbwegs kennt, kann gerade noch so den Zyklopen und die Sirenen erkennen, dann ist der Film schon wieder vorbei. Witzige Schlusspointe: Odysseus ist wieder zu Hause angekommen und begrüßt seine Angebetete mit den Worten „Hi, honey, I’m home!“.
Auch nach mehrmaligem Schauen des Films fällt es schwer, sich die Reihenfolge der Ereignisse zu merken. Aber eben genau dieser unheimlich schnelle Wechsel der Bilder und die liebevolle, detaillierte Gestaltung machen den Charme dieses Micromovies aus. Da pusten Wolken den Wind in die Segel von Odysseus Schiff, dem einäugigen Riesen wird ein Speer ins Auge gestochen, dort werden Menschen enthauptet und trällern blondhaarige Sirenen operettenhaft ihr Locklied. Neben den Bildern sorgen auch die Geräusche für zusätzlichen Witz. Bei dem Film muss man einfach schmunzeln, auch wenn der Micromovie so kurz ist und man etwas verdutzt zurückbleibt. Aber beim Betrachten von „Homer’s Odyssey“ kommt es nicht darauf an, die komplette Handlung nachvollziehen zu können, was ohne die Kenntnis der Hintergrundhandlung ohnehin schwierig sein dürfte. Der Film ist einfach kurzweilig, lustig und besitzt eine hohe Bildqualität. Deshalb entspricht „Homer’s Odyssey“ durchaus den besonderen Qualitätsanforderungen an Micromovies.

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5.3. Bitfilm-Festival

Seit 2003 richtet das Bitfilm-Festival in Kooperation mit Studio Hamburg einen Wettbewerb für Filme aus, die für die kleinen Bildschirme von Mobiltelefonen maßgeschneidert sind. 2005 fand das Festival vom 2. bis 6. November im Mandarin Kasino in Hamburg statt. Die nominierten Filme konnten dort während des Festivalzeitraums auf Videohandys angeschaut werden. Bitfilm veranstaltet außerdem regelmäßig zu den Festivals Symposien zum Thema Mobile Multimedia, welche sich an Profis aus der Film-, Fernseh- und Multimediabranche richten.43
Bitfilm-Festival-Leiter Aaron Koenig hatte eine Ende 2002 auf den Markt gekommene Software benutzt, mit der man das Foto-Handy Nokia 6650 zum Drehen und Abspielen von kurzen Videos umfunktionieren konnte, um einen Film zu drehen, der im März 2003 beim Internationalen Kurzfilmfestival im finnischen Tampere von der Jury einen Sonderpreis erhielt. Dies war der Beginn der Kooperation von Bitfilm mit dem finnischen Festival, die im Herbst 2003 zum ersten deutschen Wettbewerb für Filme auf dem Handy führte. Im vergangenen Jahr riefen die Organisatoren nun bereits zum dritten Mal Kreative auf, die neuen technischen Möglichkeiten mit Inhalt zu füllen. Zwölf Filme mit einer Länge von maximal 90 Sekunden wurden nominiert.44 Die Sieger und somit Gewinner des „Studio Hamburg Micromovies Award“ waren Alex Ehrlitzer und Nico Hemmelmann mit ihrem 49-sekündigen Micromovie „WC“, der bereits aus dem Jahr 2003 stammt. Um den Film auf dem Handy anschauen zu können, muss man eine SMS für 19 Cent an eine bestimmte Nummer mit einem vorgegebenen Text senden.45 Dann erhält man einen Link gesendet. Diesen ruft man mit der Internetfunktion des Handys auf und lädt den Film herunter. So fallen noch einmal etwa 300 KB Datentransfer an – und entsprechende Kosten.
Der Film „WC“ erzählt die Geschichte zweier Toilettentürbilder – eine Frau und ein Mann –, die beschließen, ihre Plätze zu tauschen. So springt das männliche Zeichen auf die Tür der Damentoilette und umgekehrt. Ein Mann möchte daraufhin aufs WC und verwechselt natürlich die Türen. In der Damentoilette wird er von einer Frau mit den Worten „Iiiiii, ein Mann!“ auf seinen Fehler aufmerksam gemacht, was man allerdings nur hört und nicht sieht. Dieser Micromovie ist wesentlich schlichter gehalten als das vorangegangene Beispiel „Homers’s Odyssey“. Wie die Icons für Frau und Mann sind auch der Hintergrund und der Mann mit dringendem Bedürfnis in ganz einfachem, symbolhaftem Stil gezeichnet. Es werden nur die Farben schwarz und weiß verwendet. Die Figuren bewegen sich lediglich soweit, wie es nötig ist, um die Handlung noch zu verstehen. So gähnen sie, heben die Schultern, lösen sich von der Klotür ab und stecken die Köpfe zusammen. Als die „Klo-Frau“ die Idee hat, die Rollen zu tauschen, blinkt über ihr eine Glühbirne auf und als die beiden Symbole am Ende kichern, wackeln ihre Köpfe. Der Film beginnt mit einer kleinen Melodie und ist bis zum Schluss mit witzigen Geräuschen hinterlegt. Insgesamt ist der Film also äußerst einfach gestrickt und die Handlung nicht sonderlich anspruchsvoll. Aber genau deshalb handelt es sich hierbei wahrscheinlich um den Gewinnerfilm. „WC“ dient als kurze Unterhaltung für zwischendurch und verlangt – auch durch seine grafische Umsetzung – nicht zu viel Aufmerksamkeit. Außerdem ist der Micromovie gut für das Handy geeignet, da er auch noch bei kleinem Display und geringer Auflösung durch den Schwarz-Weiß-Kontrast gut anzuschauen ist. Die Produzenten von „WC“ haben beachtet, was Reinhard W. Wolf als oberste Maxime für Micromovies aufstellt: „je einfacher das Konzept und je simpler die Idee, desto besser.“46

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5.4. Kurzfilmtage Oberhausen

Auch bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen vom 5. bis 10. Mai 2005 gab es einen Wettbewerb für Micromovies, wenn auch in einem eher kleinen Rahmen. Fünf internationale Filmemacher mit Beiträgen im Festivalprogramm nahmen an diesem Ausscheid teil. Unterstützt wurde der Wettbewerb vom Gerätehersteller Nokia. Die fünf Regisseure drehten demnach ihre Filme mit dem Nokia N90 Multimedia-Imaging-Device oder dem Nokia 6680 Imaging-Smartphone. Über das Internet konnten die Filme angesehen und bewertet werden.47 Der Gewinner ist Till Passow mit seinem Film „Man muss nicht“, den er mit dem Nokia N90 Multimedia-Imaging-Device gedreht hat. Der ehemalige Student der Film- und Fernsehregie produziert seit 1998 Kurzfilme und Videos. Sein Film „Mast Qalandar“ lief 2005 im Deutschen Wettbewerb der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen.48
„Man muss nicht“ kann man sich wie die anderen Filme als Stream anschauen, aber nicht speichern. Die Handlung des gut zweiminütigen Films ist eher bescheiden. Auf der Damen- bzw. Herrentoilette kommt das Kameratelefon zum Einsatz. Die Protagonisten ziehen Grimassen oder lächeln in die Kamera, machen lustige Geräusche und Bewegungen oder beißen in einen Apfel. Alle „Schauspielerinnen“ tragen ein orangenfarbenes und alle männlichen Darsteller ein kakifarbenes T-Shirt mit der spiegelverkehrten, weißen Aufschrift „Man muss nicht jeden Film verstehen“ und dem Verweis auf die Internetseite „www.kurzfilmtage.de“. Männer und Frauen agieren abwechselnd. Die letzte Szene zeigt eine junge Frau, auf deren T-Shirt die Aufschrift richtig herum geschrieben ist. Die Aufforderung des Produzenten sollte man ruhig wörtlich nehmen, denn diesen Film muss man nicht verstehen. Abgesehen davon, dass die Idee ganz winzig ist, sich selbst und den eigenen Film nicht allzu ernst zu nehmen, liegt in der „unsinnigen“ Handlung gerade der Sinn dieses Films. Denn hier kommt es auch darauf an, die technischen Möglichkeiten und Grenzen eines Kamerahandys aufzuzeigen. In Höhe des Spiegels über dem Waschbecken im Toilettenraum gehalten, wird sie von einem „ganz normalen“ Besucher des stillen Örtchens gar nicht bemerkt, als dieser sich die Hände wäscht. Hinter ihm kann sich ein Protagonist in kakifarbenem T-Shirt sein Lachen angesichts solcher Situationskomik nur schwer verkneifen. Auch bezüglich der Bilder und des Tons ist der Film nicht unbedingt schlecht geworden. Aus dem ständigen leichten Kamerawackeln und der Bewegung des Bildes vom Gesicht der Darsteller zur Aufschrift auf ihren T-Shirts lässt sich zwar schließen, dass die Kamera von jemandem gehalten und bewegt wird. Und zuweilen ist auch das Bild ob des schummrigen Lichtes in den Toilettenräumen etwas zu dunkel geraten. Insgesamt lässt sich aber alles noch einigermaßen erkennen. Hier kommt übrigens keine Musik zum Einsatz. Lediglich die Geräusche der Umgebung sind zu hören. Auch wenn „Man muss nicht“ sicherlich kein Abendfüller ist: die Idee ist nett und die Umsetzung gelungen.

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5.5. Mobile Movie Award Zürich

„Catch your moment of passion“ lautete die Aufforderung an junge Filmemacher beim „Mobile Movie Award“ im Rahmen des 1. Zürich-Film-Festivals vom 5. bis 9. Oktober 2005, den das Festival in Zusammenarbeit mit Nokia verlieh. Im Rahmen des Wettbewerbs wurden Filme zum Thema „Passion“ gesucht. Die Filme mussten vollumfänglich mit dem Handy produziert, geschnitten und vertont werden und durften nicht länger als drei Minuten sein. Auf der Homepage des Festivals gaben Schweizer Regisseure Anleitung zur Produktion von Micromovies. Die zehn überzeugendsten Einsendungen wurden von der Festivalleitung ausgewählt und ab dem 25. September 2005 auf der Internetseite des Festivals publiziert. Das Publikum konnte den Gewinner direkt über das Internet oder per SMS bestimmen. Die Regisseure der zehn besten Filme gewannen ein Nokia N90 und der Sieger konnte sich über eine Reise zur Berlinale 2006 freuen.49
Einer der zehn ausgewählten Filme ist der Micromovie „Passion of possibilty“. Leider findet sich an keiner Stelle ein Vermerk, von wem der Film stammt, auch ein Abspann existiert nicht. Im Film geht es um einen jungen Mann, dessen Freundin und einen Freund. Während am Anfang die Beziehungen der drei zueinander eindeutig erscheinen, wandelt sich im Laufe des etwa 2:15 Minuten langen Films das Blatt. Freund und Freundin kommen sich näher. Man merkt, wie sich etwas zwischen den beiden entwickelt. Da wird in der Disko gelächelt und schüchterne Blicke werden ausgetauscht. Als am Ende alle drei auf einer Mauer sitzen und die Aussicht ins Grüne genießen, halten der Freund und die Freundin hinter dem Rücken des jungen Mannes Händchen, was dieser natürlich nicht bemerkt. Zum Film läuft die ganze Zeit der (leicht geschnittene) Song „The Universal“ der britischen Band Blur aus deren 1995 erschienenen Album „Great Escape“. „It really, really, really could happen“ singt der Frontman.50 Hier dient die Musik nicht nur zur einfachen Untermalung der Bilder sondern enthält auch die zentrale Aussage dieses Micromovie: „es kann wirklich passieren“, nichts ist auszuschließen, auch nicht, dass sich zwischen dem besten Freund und der eigenen Freundin eine unaufhaltsame „Passion“ entwickelt. Zwar ist die rührende Wirkung des Films vor allem auf seine emotionale Musik zurückzuführen. Das soll aber nicht heißen, dass den Bildern eine geringere Bedeutung zukommt, erzählen sie doch die eigentliche Geschichte. Die Bildqualität ist überwiegend gut, auch wenn man sieht, dass die Kamera in der Hand gehalten und nicht durch ein Stativ oder ähnliche Vorrichtungen vor dem Verwackeln gesichert ist. Nur beim Diskobesuch der drei Protagonisten ist manchmal so gut wie nichts zu erkennen: zu dunkel die Umgebung, zu schnell die Kamerabewegungen. Allerdings kann man erahnen, was passiert und die Kameraführung schon wieder als künstlerisches Gestaltungselement werten. Insgesamt eine gelungene Umsetzung einer ein wenig tragischen Liebesgeschichte, auch wenn zu bezweifeln ist, dass die Macher über eine Genehmigung verfügen, „The Universal“ von Blur für ihren Film zu verwenden.

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5.6. MicroMovie Media GmbH

Micromovies entstehen nicht nur im Rahmen von Filmfestivals, sondern werden auch professionell produziert, mit der Absicht der kommerziellen Verwertung. Ein Beispiel für dieses Modell ist die deutsche MicroMovie Media GmbH mit Sitz in Potsdam, deren Geschäftsmodell im nächsten Kapitel noch ausführlicher dargestellt werden soll. Auf der Internetseite „www.micromovie.de“ bietet das Unternehmen Handyfilme, Kurzfilme, Flirt-Videos und Videogrüße zum kostenpflichtigen Download an. In einer Vorschaufunktion kann man sich die Filme als Stream anschauen. Über die inhaltliche Qualität lässt sich streiten: neben witzigen Animationen wie etwa dem finnischen Micromovie „Romeo & Julia“, in dem zwei Pommes Frites den Freitod aus Liebe wählen, gibt es auch Videos mit kopulierenden Knetfiguren, Sesseln oder „Sexy Monkeys“. Was aber deutlich auffällt, ist die äußerst gute Bildqualität dieser Micromovies. „Die Produktionsprozesse der MicroMovie Media GmbH sind genau abgestimmt auf die begrenzte Auflösung und die hohen Kompressionsraten der mobile-video-Standards“, sagt Jasdan Bernward Joerges, Geschäftsführer der Firma.51 Die Filme sind augenscheinlich entweder mit guten Kameras gemacht oder aber komplett animiert. Wer einen Film von dieser Seite auf sein Handy herunter lädt, kann sicher gehen, dass er ein formal hochwertiges Produkt kauft, auch wenn das unter künstlerisch-kreativen Gesichtspunkten betrachtet bei vielen Filmen dieser Seite nicht der Fall ist.

In diesem Kapitel wurde anhand ausgewählter (Filmfestival-)Beispiele analysiert, wie Filmemacher die besonderen Qualitätsanforderungen an Micromovies beachten. Es sollte verdeutlicht werden, dass die Umsetzung der Erfordernisse eines Handykurzfilms immer auch von äußeren Bedingungen abhängt. So macht es einen großen Unterschied ob ein Film nur 15 Sekunden oder bis zu drei Minuten lang sein darf. Ebenfalls sind Micromovies, die mit der Handykamera aufgenommen werden von denjenigen Filmen zu unterscheiden, bei denen eine beliebige Produktionstechnik eingesetzt werden darf. Generell lässt sich jedoch sagen: Je mehr ein Filmemacher bei der Produktion eines Micromovies den speziellen ästhetischen Anforderung dieser Filmform nachkommt, umso erfolgreicher wird sein Produkt sein.

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6. Geschäftsmodelle

Bevor die Perspektiven des Micromovie dargestellt werden, soll dieses Kapitel einen kurzen Überblick über verschiedene Geschäftsmodelle der Filmform geben. Dieser Abschnitt stellt sich die Frage: Wie lässt sich mit Micromovies Geld verdienen? Auf diese Frage gibt es unterschiedliche Antworten, je nachdem wer es ist, der da von Micromovies profitiert.
Die 2004 gegründete MicroMovie Media GmbH mit Sitz in Potsdam Babelsberg produziert, lizensiert und vertreibt Micromovies. Dabei sind alle Inhalte speziell fürs Handy optimiert. Das Unternehmen setzt dabei auch auf die Adaption von Inhalten für die mobile Nutzung, „Virales Mobile Marketing“ und Auftragsproduktion. Die zwischen zehn und 100 Sekunden langen Filme können auch ohne das Datenübertragungssystem UMTS auf allen videofähigen MMS-Handys angesehen werden. Um sich z.B. den Film „Romeo & Julia“ aufs Handy zu holen, muss man eine SMS für 1,99 Euro mit dem Text „MM Romeo“ an die Nummer 78000 schicken und erhält im Gegenzug einen Link zugesandt, über den man sich den Film (den man sich zuvor auf der Internetseite „www.micromovie.de“ ausgesucht hat), per WAP-Download auf das Gerät lädt.52 So profitieren die Mobilfunkbetreiber vom anfallenden Daten-Verkehr gleich mit. Für einen Kurzfilm von 300 Kilobyte [Dateigröße von „Romeo & Julia“: 347 Kilobyte, d. V.] zahlt ein Nutzer ohne Daten-Flatrate schnell einmal fünf Euro zusätzliche Transportgebühr.53
MicroMovie Media setzt besonders auf „Movie Messages“, d.h. kurze Videoclips, die eine Botschaft wie etwa „Ich stecke im Stau“ enthalten und worüber Handynutzer untereinander per MMS-Versand kommunizieren können. Wenn diese Filme auch Werbebotschaften wie z.B. den Verweis auf die Homepage „www.micromovie.de“, Dienstleistungen oder Produkte enthalten, spricht man von „viralem Marketing“: die Werbebotschaft verteilt sich durch das Weitersenden des unterhaltsamen Videos von Handybenutzer zu Handybenutzer wie ein Virus auf die Geräte.54 Ebenso wie die MicroMovie Media GmbH liefert übrigens auch die Hamburger Bitfilm GmbH Micromovies, unter anderem an Vodafone, Burda Wireless, Airmotion und die Bertelsmann-Tochter Arvato Mobile.55
Netzbetreibern und vor allem Mobiltelefonherstellern eröffnen sich aber noch weitere Wege zur kommerziellen Verwertung von Micromovies. Sie sind meist selbst auf der Suche nach digitalen Inhalten und wählen dabei entweder die Partnerschaft mit einem Festival oder veranstalten Wettbewerbe in eigener Regie. In den in Kapitel 5 genannten Beispielen wurde das Engagement von Nokia und Siemens/BenQ Mobile deutlich. Zwar lassen sich viele Veranstalter von Micromoviewettbewerben bei der Anmeldung die Verwertungsrechte an den Filmen übertragen. Aus Sicht der Gerätehersteller aber steht wie beispielsweise bei Siemens weniger die Verbreitung und Vermarktung von Filmen als das Marketing neuer Handymodelle im Vordergrund. Wie auch bei Nokia müssen Beiträge im Rahmen eines Festivals häufig mit Mobiltelefonen aufgenommen werden, welche die Unternehmen ausgewählten Filmemachern zur Verfügung stellen.56 Und um das Magazin „BlueNews“ während des Interfilm-Festivals in Berlin 2005 (siehe 5.1.) empfangen zu können, konnten sich die Besucher Bluetooth fähige Handys von BenQ Mobile ausleihen.57 Auch die Preise in Micromoviewettbewerben sind häufig Mobiltelefone der neuesten Generation. Künftig sollen zudem mehr Kurzfilme bereits auf den Geräten vorinstalliert sein, welche die Kunden dann nach dem Kauf der Handys frei weitertauschen können.58
„Wo bleibt bei diesen […] Wertschöpfungsketten der Filmemacher oder Produzent?“, fragt Reinhard W. Wolf. Bislang gebe es nur wenige Mittler zwischen Herstellern von Kurzfilmen und potentiellen Abnehmern von Micromovies in der Telekommunikationsbranche. So sei der Produktmangel auf dem Micromoviemarkt weniger die Folge eines Ungleichgewichts zwischen Nachfrage und Angebot, als vielmehr ein Vermittlungsproblem. Es sei eine strukturelle Schwäche der Kurzfilmszene, dass für ihre Produkte kaum Vertriebswege etabliert sind, der einzelne Filmemacher aber mit der Vermarktung überfordert ist.59 Bei MicroMovie Media erhalten die Kurzfilmemacher immerhin fünfzig Prozent der Erlöse aus allen Filmverkäufen.60
Bezüglich der kommerziellen Verwertung von Micromovies scheinen also noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Welche Modelle in Zukunft Erfolg haben werden, wird sich zeigen. Das folgende Kapitel widmet sich den Perspektiven des Micromovie und tangiert dabei auch die Aussichten auf dessen zukünftige kommerzielle Verwertung.

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7. Perspektiven des Micromovie

Zwar wurde in der Einleitung zu dieser Arbeit erwähnt, dass bereits sehr viele Europäer ein Handy besitzen. Über den spezifischen Gebrauch dieser Mobiltelefone ist damit aber noch nichts gesagt. Bislang sieht es so aus, als wenn der Erfolg des Micromovie an den Nutzungsgewohnheiten der Handybesitzer scheitern könnte. Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest hat ergeben, dass mobile Datendienste bei den Deutschen bisher auf wenig Resonanz stoßen. Sprachtelefonie und SMS sind immer noch die mit Abstand am häufigsten genutzten Funktionen. Den multimedialen SMS-Nachfolger MMS habe dagegen nur ein Viertel der Befragten für sich entdeckt. Für Datendienste wie E-Mail per Handy, Musik-Download, Surfen im Internet, Videotelefonie oder Handy-TV können sich nur sehr wenige begeistern.61 Von Verhältnissen wie beispielsweise in Südkorea scheinen die Deutschen weit entfernt. In dem asiatischen Technik-Musterland pflanze sich eine an den Mangas erprobte visuelle Kultur ungebrochen auf dem Mobiltelefon fort, schreibt Helmut Merschmann. Die Südkoreaner senden sich Flirtgrüße als Kurzvideos zu, schauen speziell für Handys komponierte Ein-Minuten-Dramen und animierte Mangas, laden Handy-Spiele herunter und sehen mit den Geräten fern.62 Dass dies hierzulande Zukunftsmusik ist und man den neuen Nutzungsformen des Handys noch skeptisch gegenüber steht, könnte auch daran liegen, dass Versuche, mobile Datendienste zu etablieren bislang weitgehend fehlgeschlagen sind. Der drittgrößte Mobilfunkanbieter Deutschlands, E-Plus, hatte vor vier Jahren versucht, den japanischen Multimediadienst i-mode in der Bundesrepublik populär zu machen. „Der Versuch, die Kunden mit einem umfassenden Vollprogramm aus Flirtseiten, Videonews und Kinotrailern zu beglücken, erwies sich als Flop.“ Die Kunden wollten einfach nur billig telefonieren.63
Ist der Micromovie zum Untergang verurteilt? Einige Hoffnungsschimmer gibt es noch. Im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft 2006 soll das mobile Fernsehen zum ersten wirklich großen Einsatz kommen. In Deutschland bieten einzelne Netzbetreiber schon jetzt rudimentäre Nachrichten-, Sport- und Unterhaltungsdienste an.64 Das Thema Handy-TV bewegte die Branche wie kein zweites auf der 3GSM in Barcelona, der weltgrößten Mobilfunkmesse im Februar 2006. Die Filme auf dem tragbaren Gerät kann man bisher auf zwei Arten empfangen: per Antenne im Handy oder per Mobilfunk über das UMTS-Netz, wobei der Empfang per UMTS ob der noch zu langsamen Datenübertragung eindeutig den Kürzeren zieht.65 Nun soll die teure UMTS-Technik aber doch noch zum Erfolg gebracht werden: High Speed Downlink Packet Access (HSDPA) heißt eine Erweiterung des Mobilfunkstandards UMTS. HSDPA soll die Übertragungsgeschwindigkeit im Mobilfunk um das Fünffache erhöhen. Diese schnelle Übertragung erleichtert dann zum Beispiel das Herunterladen von Computerspielen, Musik oder eben auch Filmen.66 Und in Gebieten ohne UMTS-Versorgung rüstet T-Mobile sein GPRS-Netz, das die Mehrheit der deutschen Handybesitzer für mobile Datendienste nutzt, mit dem neuen Funkstandrad EDGE auf, der bis zu viermal so schnell wie ISDN sein soll.67
Bezüglich der Frage nach der Technik, die in den Geräten steckt, ist man zwar schon relativ weit: moderne „Smartphones“ bieten bereits Megapixel-Kameras, MP3-Player, Video-Wiedergabe, Spiele, Internet-Surfen, zusätzliche aufspielbare Software und Handy-TV. Was Handys bisher aber noch fehlt, ist ein entsprechend großer Speicher. Die Lösung: miniaturisierte Festplatten, so genannte Microdrives. Noch in diesem Jahr sollen Smartphones mit einer zehn Gigabyte großen Festplatte auf den Markt kommen. Tausende MP3-Titel und über zehn Stunden komprimiertes Videomaterial könnten dann auf dem Handy gespeichert werden.68 Gesetzt den Fall, die neue Geräte- und Übertragungstechnik setzt sich durch, bleibt die Frage, welche inhaltliche und filmästhetische Entwicklung der Micromovie nehmen wird. In der vorhandenen Literatur überwiegt die Überzeugung, dass sich vor allem originäre Inhalte durchsetzen werden, also Micromovies, die nicht nur Zweitverwertung schon vorhandenen Filmmaterials sind, sondern speziell für die mobile Nutzung aufbereitet werden und die Eigenheiten des Handys berücksichtigen. „[…] Es ist absehbar, dass sich zunehmend spezifische ‚made for mobile’-Inhalte am Markt etablieren werden“, sagt Jasdan Bernward Joerges von MicroMovie Media.69 Es sei klar, dass es nicht reicht, großes Kino einfach aufs Miniformat zu quetschen, schreibt Hilmar Schmundt.70
Ein Vorteil des Micromovies liegt – wie bereits in Kapitel 4 erwähnt – in seinen geringen Produktionskosten. Junge Filmemacher können neue Wege gehen und sich ausprobieren, ohne gleich das gesamte Vermögen aufs Spiel zu setzen. „Die Filmemacher sind über jeden weiteren Absatzkanal froh, über den sie Bekanntheit erlangen können“, sagt Interfilm-Leiter Heinz Hermanns.71 Das sicherlich Aufregendste bei der Entwicklung eines Mobilemovie-Genres sei, dass die Filme überall auf der Welt gedreht werden können, auch in den so genannten Entwicklungsländern.72 Lisa Ratering vom Programmteam des Bitfilm-Festivals meint: „Die Filmemacher haben das Handy für sich als ernstzunehmende neue Ausdruckform entdeckt.“73 Und Michael Steiner, ein Schweizer Regisseur, glaubt: „Hätte ich solche Geräte vor fünfzehn Jahren in die Finger bekommen, wäre ich den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen und hätte täglich drei Kurzfilme gemacht. Es macht einfach Spaß mit dem Handy Filme zu drehen“.74
Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem die Handykamera nicht zum Einsatz kommen kann. Hierin liegt allerdings auch die Gefahr des Voyeurismus und der Spionage.75 Für Micromovies gilt zudem wohl das gleiche wie für Kurzfilme, die über das Internet verbreitet werden: beinahe jeder kann einen solchen Film machen. Es besteht keine oder kaum Qualitätskontrolle der Inhalte.76 So wird auch Missbrauch möglich, wie es bereits anhand von Videos von Schulhofprügeleien zu sehen war, welche sich Schüler gegenseitig zuschickten. Vor diesem Hintergrund sollte man nicht das Potenzial und die vielen Chancen vergessen, die in der Filmform „Micromovie“ stecken. Mit einfallsreichen, künstlerischen, unterhaltenden und ungewöhnlichen ultrakurzen Filmen kann ein neues Publikum erreicht werden, was über normale Kinovorstellungen oder auch Kultursendungen im Fernsehen nicht möglich wäre, glaubt Heinz Herrmanns.77 Micromovies können leicht verschickt, gesammelt und getauscht werden. Jasdan Bernward Joerges glaubt, dass sich das Medium Film hier transformiert: vom passiv konsumierten Medium hin zum Medium der individuellen Kommunikation.78 Aber auch wenn es nicht so kommen sollte, so könnte eine ganz spezifische Eigenschaft dem Micromovie zum umfassenden Erfolg verhelfen: ihre Möglichkeit, „inspirierende Momente voller Freude, Emotion und Erfüllung an Orte zu bringen, die im Allgemeinen durch einen Mangel an diesen Dingen charakterisiert sind.“79

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8. Fazit

„Das Mobiltelefon ist zu einem festen Bestandteil unseres Alltags geworden“, wurde in der Einleitung zu dieser Arbeit behauptet. Welche Zukunft hat vor diesem Hintergrund der Micromovie? Wird er sich neben dem traditionellem Langfilm und Kurzfilm behaupten können? Noch lassen diese Fragen viel Raum für Spekulation. Die Hausarbeit sollte aber eine Ahnung vermitteln, in welche Richtung die Reise des Micromovie gehen könnte.
Hier sollte dargestellt werden, was das Spezielle bzw. das Neue an Micromovies ist und worin sie sich vom traditionellen Kurzfilm unterscheiden. Die größte Besonderheit des Micromovie liegt in seinem Rezeptionsmedium, dem Mobiltelefon. Hieraus ergeben sich die Eigenarten von und die besonderen Qualitätsanforderungen an diese noch junge Filmform. Neben der Entwicklung der Rahmenbedingungen wie etwa dem technischen Fortschritt, innovativen Geschäftsmodellen und neuen Nutzungsformen hängt die Zukunft des Micromovie mit Sicherheit stark davon ab, wie Filmemacher den dargestellten Anforderungen an Micromovies nachkommen werden. Diese These sollte durch die Analyse einiger Filmbeispiele gestützt werden. So hat sich dann auch gezeigt: je mehr die Filmemacher in den Wettbewerben auf die Eigenheiten des „Handys“ eingingen, umso erfolgreicher war der Film bei den entsprechenden Festivals. Speziell für Micromovies ausgeschriebene Wettbewerbe werden sicher auch weiterhin ihren Beitrag zur Entwicklung „der kleinsten Filme der Welt“ leisten.
Micromovies haben ein großes Potenzial. Sie bieten Menschen die Gelegenheit, ohne großen Aufwand und übermäßige Kosten kreativ zu werden, eigene Ideen zu verwirklichen, zu experimentieren, sich selbst darzustellen. Sie sorgen für Kurzweil und Unterhaltung und sind im Prinzip an beinahe jedem Ort der Welt nutzbar. Nun kommt es darauf an, diese Chancen nicht zu verpassen und sich im Umgang mit der neuen Technik zu erproben. Wenn das gelingt, wird der Micromovie Erfolgsgeschichte schreiben.

von Franziska Muth, April 2006

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Quellennachweis

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10 Ebd., S. 49ff. / S. 76ff..
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15 Heinrich (1997), S. 3.
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Literaturverzeichnis

Monographien

Heinrich, Katrin: Der Kurzfilm. Geschichte, Gattungen, Narrativik. Alfeld/Leine: Coppi-Verlag, 1997.

Periodika

Dittgen, Andrea: Es gibt ihn wirklich. Stationen der deutschen Kurzfilm-Geschichte. In: Film-Dienst, Nr. 9/2001, 54. Jahrgang, S. 8-11.

Grote, Andreas: Festplatte für die Funke. In: Süddeutsche Zeitung vom 08.02.2006, S. 9.

lbe [Kürzel]: Meilensteine: HSDPA. In: Süddeutsche Zeitung vom 09.03.2006, S. 21.

Riedel, Thorsten: Fernsehen in der Hosentasche. In: Süddeutsche Zeitung vom 14.02.2006, S. 22.

Schmundt, Hilmar: Kontrollverlust im Äther. In: Der Spiegel 10/2006, S. 148-152.

Weingarten, Susanne: Ich unterhalte mich! In: KulturSPIEGEL, 2/2006, S.20-23. S. 21.

o. V.: Mehr Tempo für UMTS. In: Süddeutsche Zeitung vom 09.03.2006, S. 21.

o. V.: Multimedia-Dienste kaum gefragt. In: Freie Presse vom 22.02.2006, S. 11.

Internetdokumente

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Hermanns, Heinz: Mobile movies – taking film to the public space (März 2005). Zugriffsdatum: 25.03.2006.
http://www.interfilm.de/interfilm/forum/heinz_2.html, [Hermanns (2005 b)]

Joerges, Jasdan Bernward: Case Study: Die kleinsten Filme der Welt (Juli 2005). Zugriffsdatum: 25.03.2006. http://www.micromovie.de/static/pdf/2005_07_casestudy_mm.pdf, [Joerges (2005 a)]

Joerges, Jasdan Bernward: Die kleinsten Filme der Welt: neue Formate für das mobile Entertainment (06.07.2005).
Zugriffsdatum: 25.03.2006. http://dmi.hff-potsdam.de/RV/index.html#141, [Joerges (2005 b)]

Merschmann, Helmut: Micromovies: Vorboten des mobilen Fernsehens (16.11.2005).
Zugriffsdatum: 25.03.2006., http://www.micromovie.de/static/pdf/2005_11_16_StuttgarterZtg.pdf

Merschmann, Helmut: Smaller than life (11.11.2005).
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Ritzmann, Kai: Der Fernsehturm auf virtueller Reise (13.02.2005).
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Wehn, Karin: Kurzfilme im Internet. Einführung.
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Wolf, Reinhard W.: Micromovies - Kurzfilme für die Westentasche, Teil 2 (22.12.2005).
Zugriffsdatum: 25.03.2006., http://62.27.42.46/ikf/index.php?id=1735&L=0

o. V.: Blue News. Interfilm Berlin und BenQ Mobile präsentieren das erste Festivalmagazin
für das Handy. Zugriffsdatum: 25.03.2006., http://www.interfilm.de/festival2005/bluenews.php

o. V.: Die kleinsten Filme der Welt (Company Profile MicroMovie Media). Zugriffsdatum: 25.03.2006. http://www.micromovie.de/static/pdf/MicroMovie_portrait_www.pdf

o. V.: Presseinformation: Wettbewerb Micromovies. Filme für die kleinen Bildschirme mobiler Geräte – präsentiert von Studio Hamburg (2005). Zugriffsdatum: 25.03.2006., http://www.bitfilm-festival.org/BFF05_BG_MM.pdf

o. V.: Pressemitteilung: Es macht einfach Spass mit dem Handy Filme zu drehen (14.09.2005).
Zugriffsdatum: 25.03.2006., http://www.zuerichfilmfestival.ch/329-mobilemovie2-7.html

o. V.: Pressemitteilung: Nokia verleiht den ersten Mobile Movie Award (10.10.2005). Zugriffsdatum: 25.03.2006. http://www.nokia.ch/german/about_nokia/press/2005/
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http://www.nokiashorts.co.uk/flash.htm, Zugriffsdatum: 25.03.2006.

http://www.zuerichfilmfestival.ch/85-Preise.html, Zugriffsdatum: 25.03.2006.

http://www.zuerichfilmfestival.ch/93-Wettbewerb.html, Zugriffsdatum: 25.03.2006.

Weitere Quellen

Lexikonartikel zum Stichwort „Homer“. In: Brockhaus. Die Enzyklopädie in vierundzwanzig Bänden. Band 10, 20. überarb. und aktualisierte Aufl.. Leipzig/Mannheim: Brockhaus, 1996, S. 226.

Songtext zu „The Universal“ von Blur., http://www.golyr.de/blur/songtext-the-universal-255474.html, Zugriffsdatum: 25.03.2006.

Telefoninterview mit Benoit Labourdette, http://www.interfilm.de/festival2005/movies/france.swf, Zugriffsdatum: 25.03.2006.

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