Brickfilme
Unter "Brickfilmen" versteht man Trickfilme, die mit Lego-Figuren ("minifigs")
in einer Kulisse aus Lego-Bausteinen (brick = Baustein) gedreht werden. Sie
gehören also in die Gruppe der dreidimensionalen Trickfilme, für die
die Stop-Motion-Technik verwendet wird. Brickfilme sind nicht durch die dargestellten
Inhalte definiert, sondern nur durch das vor der Kamera verwendete Material.
Es ist schwer zu sagen, wo und wann der erste Brickfilm entstand.
In mehreren Umfragen bei Brickfilms.com
und im Brickfilms
General Forum werden die Filme von Dave und Andy (anzusehen
bei WDLN
TV) als die ersten angegeben. Als sein Vater einen Video-Recorder
ausgeborgt hatte, nutzte Dave 1985 die Gelegenheit, ein paar seiner
Lego-Steine zu animieren. 1989 entstand - gemeinsam mit Andy - der
Welt erster Brickfilm. Es ist aber durchaus möglich, dass es
auch schon vor diesen "Pionieren" Brickfilme gegeben hat.
Schon an den Jahreszahlen 1985 und 1989 sieht man, dass Brickfilme
ursprünglich nicht das World Wide Web zu ihrer Distribution
benötigen. Man kann sie mit jeder Kamera drehen, die eine Einzelbildeinstellung
hat, also auch mit den alten Super-8-Modellen. Das World Wide Web
hat dem Brickfilm-Genre jedoch Auftrieb gegeben und stellt heute
das Forum für Brickfilme schlechthin dar. Webcams machen das
Drehen von Brickfilmen einfach, und es gibt gute, teilweise kostenlose
Schnitt- und Bearbeitungssoftware für den PC. Brickfilm-spezifische
Internet-Seiten existieren entsprechend in großer Auswahl
und in vielen Sprachen: Diskussionsforen (besonders auf der Seite
Brickfilms.com
und im Brickfilms
General Forum), Filmbeispiele, technische Tipps für Einsteiger,
Wettbewerbe und vieles mehr. Ausführliche Links finden sich
unter Brickfilms.com
und im
Lego Maniac's Guide.
Brickfilme werden auf jedem Niveau hergestellt. Sie ermöglichen
es auch Anfängern ohne Basteltalent, gute Ergebnisse zu erzielen.
Kulissenentwürfe oder das Selbstbauen von Puppen fallen weg
(allerdings gibt es im Internet auch eine Seite zur Verunstaltung
der minifigs), Lego ist in fast jedem Haushalt in der industrialisierten
Welt vorhanden, und man hat einen geringen Raumbedarf beim Filmen.
So findet man Brickfilme von Familien oder Schulklassen (Mproductions
ist die Brickfilm-Homepage einer schwedischen Familie; "The
Bank Robbery" stammt von einer norwegischen Schulklasse),
aber auch von ehrgeizigen Profis und Beinahe-Profis. Manche verstehen
sich als Mitglieder einer weltweiten, durch das Internet verbundenen
Brickfilm-Community, andere wollen einfach nur ihrem Spieltrieb
freien Raum lassen.
Vor kurzem schafften die Brickfilme den Sprung in die Feuilletons,
allerdings im Rahmen einer Negativschlagzeile ("Terror
im Legoland"). Die "Sauberkeit" und Niedlichkeit
des Lego-Materials reizt manche Brickfilmer, eben keine familiengerechten
Inhalte in ihren Filmen darzustellen, sondern Gewalt und Pornographie.
Es ist nur logisch, dass sich Brickfilmer am Provokanten und Ungewohnten
versuchen. Brickfilme mit düsteren, gewalttätigen oder
politischen Inhalten sind aber nicht im Sinne der Firma Lego, die
(auch nicht unverständlich) über den Ruf ihres Produkts
wacht und solche Assoziationen vermeiden will.
Insgesamt ist also die Themenbreite der Brickfilme außerordentlich
groß. Es finden sich aber bestimmte Vorlieben, die ein Bild
der Brickfilm-Community zeichnen. So waren kurz vor dem Kinostart
des letzten Krieg der Sterne-Films Brickfilmtrailer zu ebendiesem
Film sehr populär. Und bei aller Unabhängigkeit von Lego-Spielsets
sind doch viele Brickfilme im Umlauf, die mit den Krieg-der-Sterne-
oder den Harry-Potter-Sets arbeiten, z.B. "Jar
Jar Binks and the French Revolution". Parodien auf bekannte
Filme sind sehr beliebt (zum Beispiel bei Oliver Baentsch's Site
Olibae Online oder
bei Spite your Face).
Originell und ungewöhnlich ist die Brickfilmfassung des Fußball-WM-Endspiels
Deutschland gegen Ungarn von 1954 ("Die
Helden von Bern").
2001 brachte Lego die Spielpackung "Lego Studios" heraus.
Diese Packung enthält eine kleine Webcam im Lego-Design und
Software zum Erstellen von Brickfilmen. (Die begleitende Website
bietet fast keine Bilder, nur technische Infos). Obwohl man Brickfilme
ebenso gut mit jeder anderen Webcam und Software erstellen kann,
öffnete dieses Set vielen Laien das Tor zur Brickfilmwelt.
Tatsächlich lehnen viele eingefleischte Brickfilmfans die indirekten
Vorgaben der Spielpackung ab. Zum Zubehör gehören Dinosaurier,
eine Erdbebenplatte und eine Steven Spielberg nachempfundene Regisseur-Minifig;
spätere Ergänzungspackungen ohne Kamera und Software enthalten
hauptsächlich Requisiten für gemäßigte Horrorfilme,
was natürlich die Fantasie der Benutzer lenken soll. In der
Brickfilm-Communitiy wird die geistige Unabhängigkeit von der
Lego-Studios-Packung betont (z.B. bei Brickfilms.com
in einem Artikel mit dem Titel "Cynicism of the Studio Sets"
).
Sicherlich haben die "Lego Studio Packs" aber mit dazu geführt, dass immer mehr Menschen
das Hobby 'Brickfilmen' für sich entdecken. Die Brick-Community wächst online wie offline stark
an und wird noch viele sehenswerte Filme hervorbringen.
Heike Elisabeth Jüngst, Leipzig den 13.10.2003
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